Macht endlich den Mund auf und beweißt, dass ihr aus der Vergangenheit gelernt habt!

Vor gut 15-20 Jahren – während meiner Schulzeit – nahmen wir im Unterricht sehr exzessiv die Zeit des Dritten Reiches durch. Wir beteten von vorne nach hinten die Auslöser, die Ereignisse und die Folgen durch. Damals erschien mir der Unterricht in dieser Intensität übertrieben. Denn für mich war es absolut unverständlich, wie so etwas passieren konnte… Ich konnte nicht glauben, dass eine ganze Nation bei den Verbrechen entweder mitmachte, oder aber zumindest wegsah. Wieso hatten die Menschen sich nicht gegen das NS Regime gestellt und gemeinsam verhindert, dass diese abscheulichen Taten begangen werden konnten? Warum gab es so viele Mitläufer, die sogar ihre Nachbarn und ehemals besten Freunde verrieten?
Als junges Mädchen – noch mit dem unschuldigen Glauben an das Gute in der Welt – konnte ich das einfach nicht nachvollziehen. Gründe erfuhren wir von unseren Lehrern natürlich genügend und dennoch erschienen mir diese Gründe absolut fadenscheinig. Es gab einfach NICHTS, was es in meinen Augen rechtfertigte, das eine ganze Nation Millionen von Menschen in den Tod schickte und nichts dagegen unternahm…
Bis noch vor Kurzem erschienen mir rechts gesinnte Menschen in der Minderheit und ich machte mir keine Sorgen. Mir war ja auch absolut klar, dass sich die Geschichte nicht wiederholen kann, hatten wir doch alle daraus gelernt. Wer es nicht miterlebt hatte, wurde im Unterricht oder durch Fernsehen und Politik ständig daran erinnert, was für Verbrechen damals geschehen konnten. Natürlich sind wir auch Generationen danach so sehr sensibilisiert, dass es keine Chance der Wiederholung gibt…Heute würden wir nicht so leicht Parolen nachplappern, heute würden wir nicht mehr glauben, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung wertloser ist. Heute würden wir uns gegen jeden Stellen, der solches auch nur denken würde und auf rechtsgesinnte Ausschreitungen würden wir heute Taten folgen lassen durch Inhaftierungen und Verurteilungen. Alles möglich auf Basis unserer Gesetzgebung, mit dem wichtigen Teil des Grundgesetzes.
WIRKLICH? Ist das heute wirklich so?
Ich – ein Gutmensch – wie er im Buche steht, bin wohl zu leichtgläubig an das Thema herangegangen. Denn meine damalige Überzeugung hält heute nicht mehr Stand!

Auch wenn es viele noch nicht erkennen: Heute stehen wir wieder genau da, wo wir am Anfang der NS Zeit auch standen. Rechte Parolen sind unter dem Deckmantel der „besorgten“ Bürger gesellschaftsfähig geworden. Zu viele Menschen haben sich anstecken lassen vom braunen Gedankengut und das Schlimme ist: sie erkennen es nicht einmal als solches! Es scheint heute wieder soooo einfach zu sein, einen gewissen Teil der Bevölkerung zu verurteilen und ihnen sogar Teile der Menschenrechte abzusprechen.
Damals waren es die Juden, die immer mehr ihrer Rechte verloren – heute sind es die Flüchtlinge.
Damals waren es die Juden, die uns die Jobs wegnahmen, für unsere Kinder eine Bedrohung darstellten, die sich nicht benahmen, die unehrlich waren – heute sind es die Flüchtlinge.
Weder Juden durften damals noch dürfen Flüchtlinge heute arbeiten – weder Juden bekamen damals noch bekommen Flüchtlinge heute die Grundsicherung – Juden wurden damals separiert, Flüchtlinge werden heute in großen Lagerhallen abseits der deutschen Bevölkerung „gesammelt“. Jüdische Kinder durften damals keine deutschen Schulen mehr besuchen – Flüchtlingskinder dürfen dies heute „noch“: Die Betonung auf NOCH, denn sollte die Idee des Erfurter Bürgermeisters, vom Aussetzen der Schulpflicht für Flüchtlingskinder Schule machen, wird auch dies bald der Vergangenheit angehören.
Was ist Stand heute bitte besser als zu den Anfängen der NS Zeit?
Heute wird eine gewisse Gruppe von Menschen herabgesetzt, verurteilt und ihrer Recht beraubt. Was macht nun Euch alle – die ihr zuseht oder gar mitmacht, zu besseren Menschen als die Nationalsozialisten von damals?
Keinen Deut besser seid ihr!
Es werden keine Menschen umgebracht mögt ihr sagen – damals wurden die Juden schließlich vergast und das war in Euren Augen vielleicht das eigentliche Verbrechen – außerdem waren es viele Millionen….
Ja vergast werden heute bei uns keine Menschen mehr…. Aber tot bleibt tot und tote Flüchtlinge gibt es in Massen. Tausende über tausende ertrinken jährlich im Meer, bei dem Versuch, sicheren Boden unter den Füßen zu erlangen. Andere sterben an Hunger, viele an Gewalttaten auf dem Weg hierher, manch einer erstickt sogar mitten in Österreich in einem LKW. Männer ebenso wie Frauen und Kinder! Sind wir nun heute besser, weil wir nicht selber Hand angelegt haben? Sind wir besser, weil sie nicht auf „unserem“ Boden starben?
Nein, das sind wir nicht. Wenn ich eines gelernt habe: JEDER der wegschaut, macht sich mitschuldig. Denn jeder der wegschaut, hätte sich für diese Menschen einsetzen können. Viele Menschen, die sich einsetzen, können ganze Regierungen stürzen – warum nicht auch den Tod von tausenden von Menschen verhindern?

Aber es ist auch so verdammt mühselig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.
Wer hat nicht diese Science Fiction! Bücher gelesen, wo auf der Erde eine riesige wundervolle Stadt existierte – voller grün, mit „glücklichen“ Menschen und umgeben von einer Glaskuppel, die jeden Stadtbewohner vor den schädlichen Einflüssen von außen beschützen sollte. In der Stadt lebten die Menschen, die rechtschaffend waren und es verdient hatten, diesen Wohlstand zu genießen. Außerhalb dieser Stadt aber lebten nur noch Verstoßene, Kriminelle, Aufständige und bettelarme Menschen. Natürlich gab es kein rein und kein raus aus dieser Stadt. Keine Chance für den armen Menschen von außen, jemals in die Stadt und zu Wohlstand zu gelangen. Und keiner in der Stadt hätte diesen Wohlstand mit den Menschen da draußen je teilen wollen. Ging es ihnen in der Glaskuppel doch einfach zu gut und natürlich waren die Menschen da draußen auch weniger Wert und hatten weniger Rechte – einfach Pech, dass viele auf der falschen Seite geboren wurden…
Fällt Euch etwas auf?
Ist dieses Science Fiction Szenario nicht schon lange Realität geworden? Sitzen wir hier nicht alle gemütlich, in Wohlstand schwelgend auf unserem Hintern und haben einfach keine Lust davon etwas an die Menschen „da draußen“ abzugeben? Wir haben Angst, dass wir unsere Gemütlichkeit und unseren Reichtum verlieren könnten und darum suchen wir nach Gründen, warum die Menschen „da draußen“ eben diesen Wohlstand NICHT verdient haben. Und sogar die passende Kuppel errichten wir gerade dazu. Etwas anderes sind die meterhohen Zäune mit Stacheldraht-Ummantelung nämlich nicht. Und was der Stacheldraht oder die sinkenden Boote nicht aufhalten, das erledigt dann tonnenweise Tränengas, was auf die Menschen „da draußen“ abgedrückt wird.
Diese unschöne Utopie ist schon lange Wirklichkeit geworden! Ich gebe zu, sehr schleichend, denn auch ich habe nicht gleich geschnallt, an welchem Punkt sich unsere Gesellschaft befindet. Doch spätestens JETZT, wo täglich!!! Flüchtlingsunterkünfte brennen, die Gewalttaten gegen ausländische Mitbürger so hoch sind wie noch nie, wo sich rechte Kommentare gerade in den sozialen Medien erschreckend schnell verbreiten, wo Kinder von Rechten angepinkelt werden und die Toten schon bis nach Österreich schwappen, spätestens JETZT sollte auch der Letzte von uns aufwachen!
Jeder der schweigt macht sich mitschuldig. Und das muss sich nicht wiederholen. Wir können ALLE etwas tun. Wir können an die Politiker herantreten, Demos veranstalten und besuchen, wir können weitere Promis motivieren, ihre Stimme zu erheben und wir können selber unsere Stimme erheben. Wir können Blogeinträge verfassen, um Stellung zu beziehen und jeden rechten Kommentar aus Facebook davon wischen. Wir können unsere Freunde, Nachbarn und Bekannten aufklären über das, was passiert und wir können HELFEN. Wir können den Menschen, die in ihrer Not hierhergekommen sind, unsere Hand reichen: sei es durch Spenden, sei es durch Gespräche oder gar eine Freundschaft. Solidarisiert Euch miteinander und macht bitte endlich alle den Mund auf. Je mehr Menschen Stellung beziehen, umso mehr Menschen werden aufwachen und dann bin ich sicher, können wir es schaffen, dass sich die Geschichte diesmal in eine andere Richtung entwickelt.

Lasst uns der Welt beweisen, dass wir wirklich aus unserer Vergangenheit gelernt haben!

Und wer wirklich nicht weiß, was er noch so tun kann, kann diese tolle Aktion unterstützen:

http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

https://www.betterplace.org/de/fundraising-events/bloggerfuerfluechtlingei

#BloggerFuerFluechtlinge

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17 Kommentare zu “Macht endlich den Mund auf und beweißt, dass ihr aus der Vergangenheit gelernt habt!

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich bin auch mit Schrecken aufgewacht und muss sehen, das es leider keine Minderheit ist, die so braun denkt.
    Die Generation, die damals die Anfänge mit erlebt hat ist schon alt und wer hört heute denn noch alten erfahrenen menschen zu? Oder welcher ältere Mensch mag darüber reden?
    Und wen, außer ein par wachen Menschen, interessiert denn, was im Geschichtsunterricht umfangreich behandelt worden ist? Leider viel zu wenige. Oder viel zu viele haben Angst davor, ihre Komfortzone zu verlassen.
    Man kann viel dagegen setzten, informiert sein, den Mund aufmachen, aktiv aufklären, sich zusammen schließen und auf die Strasse gehen. Flüchtlingen helfen und ihnen zeigen, das es uns auch gibt.
    Trotzdem macht mich diese Gewalt immer noch fassungslos und einzig die Hoffnung bleibt, das sich viele Menschen gerade machen, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

  2. Danke für diesen Beitrag !

    Auch mir sprichst Du aus dem Herzen. Ich bin fassungslos über das, was hier passiert, über die Entwicklung, die das nimmt und über die viel zu vielen rechten Strömungen.

    Danke…

    Birgit

  3. Wir könnten aber auch darüber nachdenken, ob das, was man uns erzählt hat oder immer noch erzählt, wirklich so war oder ist. Und ich glaube, da gäbe es für viele große Überraschungen, denn eines hat sich nicht geändert: politische Propaganda und Medien, die diese unters Volk bringen.
    Du hast vollkommen recht, das sollte aufhören.

  4. die mehrheit der armutsflüchtlinge kommt, weil wir sie bestehlen !
    die fluchtursachen müssen bekämpft werden. unser wirtschaftliches wachstum bedeutet heute wachstum der armut und wachstum der hungernden menschen auf unserem planeten. diese politik mit unserem gegenwärtigen system sorgt weltweit für aufstände der unterdrückten, bürgerkriege, armut und hungersnot. wir gierigen konsumenten sind die komplizen und lassen mit unserem konsumverhalten all dies erst zu.

    fragt nicht mehr was eure regierungen gegen all die armut und hungesnot auf unserem planeten tun können, fragt euch selbst, was ihr dagegen tun könnt.

    51 millionen menschen sind auf der flucht und 86 % davon landen und leben in entwicklungsländern. 2013 nahm deutschland gerade mal 109.000 flüchtlinge auf.aber pakistan 1.600.000, iran 857.400, libanon 856.500, jordanien 641.900 und die türkei 609.900.

    „illegale einwanderer sollen zurück nach hause!“ viele einwohner der enwicklungsländer, oder die australischen aborigines fragen: „wirklich? wann geht ihr denn?“

  5. Ich weiß nicht, ob man das alles so stehen lassen kann, wie das viele kundtun. Auf die Strasse gehen, aufbegehren, demonstrieren, Flüchtlinge aufnehmen. Hört sich alles schön an, hat aber doch nichts mit der Praxis zu tun.Die Ursachen liegen doch ganz woanders. Viele,die schreiben sind doch sicherlich in den fünfziger bzw sechziger Jahren, oder noch später geboren. Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei deutsche Staaten und zwei Gesellschaftssysteme. Nämlich den Kapitalismus und den Sozialismus, die NATO, bewaffnet bis auf die Zähne, die Ostblockstaaten,
    bewaffnet bis auf die Zähne. Die Sowjetunion und die USA. Vor der Wende haben die DDR Bürger vielleicht, oder so gar wahrscheinlich in einem Einweckglas gelebt, aber, wir haben ruhig
    Gelebt. Viele werden mir zustimmen.Nach der Wende wurden Betriebe, Werke, Kombinate, wie man zu DDR Zeiten sagte, geschlossen, dem Erdboden gleich gemacht, abgewickelt. Die Menschen auf die Strasse gesetzt, sich selbst überlassen. Dann auf einmal war er da, der Kapitalismus.Ja, und ehemaligen Staaten des Ostblocks wurden auch kapitalistisch, auch dort wurden die Menschen arbeitslos. Menschen, die ihr Leben lang einer Arbeit nach gingen und
    plötzlich auf der Strasse sitzen, werden unzufrieden. Unzufriedene Menschen werden agressiv.
    Mit der Lequidierung der Sowjetunion, wurde ein Zustand geschaffen, der den Menschen der früheren Sowjetrepubliken zu jener Zeit nicht so wichtig war. Religionskriege wurden geboren.
    Ehemals Jugoslawien, Regilionskriege. Im Nahen Osten- Religionskriege. Irak, Afghanistan, Syrien usw. Will sagen, die Krisen auf unserer Erde und die Kriege haben zu genommen. Wo liegt die Ursache?
    Rechtes Gedankengut legt sich quer über unser Land. Es Ist wie ein Virus, es findet sich bei Bekannten, bei Nachbarn, im Freundeskreis. Es ist beängstigend und beschämend. Ich habe Angst, das der Spuk weiter geht. Der Staat, unser Land, die Regierung muß eingreifen. Die Länder, in denen Kriege geführt werden, müssen sich an einen Tisch setzten und endlich ver-handeln. Möglicherweise, will man das vielleicht gar nicht. Das Geschäft mit den Waffen, die Waffenlobby. Diesen Geyern sind die Menschen doch egal. Die Schlepper, die an den armen Menschen sich dumm und dusslig verdienen. Das Leid der vielen Menschen, die Opfer,sie werden nicht enden. Die Ursache, wo liegt sie?

  6. die mehrheit der deutschen hat angst vor den massen der zuwanderer und flüchtlingen. sie wollen die fremden nicht kennenlernen. sie sollten diese menschen aber freundlich willkommen heissen und dankbar sein, dass sie sich nicht genauso verhalten wie die kriegerischen und gewaltbereiten europäer bei ihren gewalttätigen eroberungen der neuen kontinente. vielleicht ist das schlechte gewissen die saat der angst? müssen wir jetzt für unsere vergangenheit bezahlen? mehr hierzu: https://campogeno.wordpress.com/2015/08/29/fluechtlingsansturm-wir-bezahlen-fuer-unsere-vergangenheit/

  7. Und wer mit dem Argument kommt, Nazizeit hab ich nur als Kind erlebt, da weiß ich nichts von, der soll sich doch bitte daran erinnern, wie es war als die Flüchtlinge kamen! 12,3 Mio Deutsche sind ab 1945 auf der Flucht gewesen und sind auch irgendwo gelandet, wo man sie nicht wollte, und haben als Flüchtling unter Stigmatisierung und Ausgrenzung gelitten. Und das wollen sie heute weitergeben? Der Appell an die eigenen Gefühle wäre hier doch mal ein Grund zum gründlichen Nachdenken.
    LG
    mhs

  8. Die Menschheit hat nichts aus dem ersten Weltkrieg gelernt und aus dem zweiten Weltkrieg hat sie schon mal gar nichts gelernt.
    Ein Lernprozess setzt nicht ein, und wird auch nicht einsetzen.
    Die Flüchtlinge von 1945 sprachen Deutsch und waren evangelisch katholisch christlichen Glaubens. DAS war zwar ein Vorteil aber noch heute „kauen“ Kriegskinder und Kriegsenkelkinder an diesem Trauma.
    1989 kamen viele éhemalige DDR Büger nach Deutschland auch daran wird noch fleissig „gekaut“.
    An der jetzigen Flüchtlingssituation werden noch unsere Kinder und Enkelkinder „kauen“
    Wenn ich Flüchtling wäre, würde ich niemals in ein Land kommen welches sich des Völkermordes schuldig gemacht. hat. Jeder Mensch weltweit sollte sich diesen Film ansehen.
    http://www.spiegel.de/kultur/tv/auschwitz-night-will-fall-von-hitchcock-ueber-holocaust-und-kz-a-1014970.html
    Die heutige Situation kann nicht mit 1945 verglichen werden, damals gab es kein Grundgesetz und die jüdische Bevölkerung hatte null Infos was „im Osten“ passieren würde…..

    • Hallo Conny,

      Sie sind inkonsequent!!
      Als Flüchtling würden Sie sich ein Land aussuchen und nicht nach Dtl. kommen. Aber als Nicht-Flüchtling haben Sie noch keine Anstrengungen unternommen den hiesigen Wohlstand, er beruht ja mit dem Marshall-Plan irgendwie auf dem Völkermord, zu verlassen? Gibt es auch nur 1 Land auf dieser Erde, welches sich nicht irgenwie gegen andere Menschen schuldig gemacht hat? Welches Land würden Sie sich als Flüchtling aussuchen? Schon allein das Wort macht mich wütend!

  9. Hallo Petra,

    ich schließe mich den Vorrednern an, denn auch ich finde Deinen Blogeintrag prima.

    @all:
    Ich war, und wenn die Situation es erfordert, werde ich wohl wieder ein Wirtschaftsflüchtling werden. Als ich ein Kind war, ging meine Mutter donnerstags zur DEMO (bekannt als „Montagsdemo“). Erst wurde nach Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, freien Wahlen und vielem anderen gerufen. Als diese Forderungen „zugesagt“ wurden, kam der Schrei „Wir wollen die DM“. Ich wurde das erste Mal ein (passiver) Wirtschaftsflüchtling. Später fand ich in meiner Heimat keine Arbeit. Also ging ich in den Westen. Nun war ich ein aktiver Wirtschaftsflüchtling. Dann zog mein Arbeitgeber um und ich ging mit (wirtschaftlich besser, als ohne Arbeit zu sein oder bei einem anderen Arbeitgeber weniger zu verdienen). Ich sollte also in meine Heimat zurück, damit ich dort entweder (später) ALGII erhalte oder weniger Steuern zahle, weil mein Verdienst geringer ist. Keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist.

    Meine Mutter, welche nach dem Krieg aus Ihrer Heimat nach Dtl. vertrieben wurde, will die Flüchtlinge hier nicht willkommen heißen. Sie versteht auch nicht, warum sich derzeit um die Flüchtlinge so aktiv gekümmert wird – das war bei ihnen damals ja auch nicht so. In ihrer Tageszeitung scheinen die Gelder, welche die Flüchtlinge erhalten (ca. AGLII) öfter thematisiert zu werden. Bei mir nicht. Ich kann bei ihr kein Verständnis erwecken. Ich vermute eine Angst vor „zu vielen“ Muslimen. Aus Gleichsetzung der IS mit dem Glauben. Meine Mutter geht regelmäßig zu Kirche. Nächstenliebe, sich um die Schwachen kümmern, finde ich aktuell bei ihr nicht. Aber „Kirche gehört zur Kultur“. Aber: was ist „Kultur“ wenn sie zwar zelebriert aber nicht gelebt wird?
    Welche hochbeschworenen und vor uns hergetragenen „Werte“ haben WIR? In letzter Zeit wird mir immer klarer, es sind die materiellen Werte – längst nicht die moralischen.

    Wenn ich Kommentare lese, in denen der Beitrag über und über gelobt wird, und ich immer und immer wieder das „man müsste – man sollte – die Politik muss – …“ lese, freue ich mich erst über die Gleichgesinnten. Ich bin mit meiner Meinung nicht allein. Das Gemeinschaftsgefühl gibt Kraft. Später jedoch denke ich, was machen die Leute in der Realität. Wie setzten sie ihre Zustimmung um, oder reicht die Bestärkung des Schreiberlings?
    Daraus entstand die Frage: Was mache ich, außer mit dem Geschriebenen übereinzustimmen?
    Seit Jahresanfang gehe ich 1x die Woche zur Hausaufgabenhilfe. Dort sind meist Kinder aus dem aktuellen Krisengebiet Syrien-Irak, auch wenn die Kinder nicht zu den aktuellen Flüchtlingen gehören. Vor kurzem habe ich angefangen, TV Sender anzuschreiben um ihnen mitzuteilen, was ich an deren Berichterstattung unglücklich finde, welche Fragen für mich nicht geklärt werden und was ich erwarte (z.B. dass den Berichten über ehrenamtliche Helfer die gleiche Sendezeit eingeräumt wird, wie den Brandstiftern (am besten gleich im Anschluss an diese)). Allein durch mich wird sich die Berichterstattung der Sender nicht ändern, das ist mir klar. Aber wie schreibt Petra: Macht endlich den Mund auf!

    Eine ernstgemeinte Fage: Was macht ihr? Spendet ihr Kleidung, Geld, Zeit?
    Bei dem Ruf nach dem Staat sollten wir bedenken: WIR sind der Staat!
    Treten WIR der Regierung lautstark auf die Füße!

    • Zu Deiner Frage, was wir tun:
      Wir sammeln Kleidung und Spenden – helfen beim Verteilen in einer Erstaufnahme-Station und helfen in einer WohnGruppe für Jugendliche unbegleitete Flüchtlinge (sind also intensiv im Kontakt). Als Pflegefamilie würden wir auch Flüchtlingskinder/Teens aufnehmen, bisher ergab sich das aber nicht. Naja und wir klären auf, so gut und viel es geht. Immer und immer wieder. Das blöde ist: Es fühlt sich immer noch so wenig an, was wir tun….

      • Hallo Petra,

        danke für Deine Antwort.
        Nur, war die Frage gar nicht an euch gerichtet, sondern an alle, die Deinen Eintrag gut finden.
        Ich habe nämlich das Gefühl, dass auf die Frage „Würden Sie helfen?“ sehr viele mit JA antworten, aber die gleichen Leute auf die Frage „Haben Sie schon geholfen?“ mit NEIN antworten müssten. Wie gesagt, es ist ein Gefühl.
        Auch ich habe das Gefühl, zu wenig zu tun (nun mach ich auch weit weniger als ihr).
        Meine Frage hatte auch das Ziel, dass ich Anregungen bekomme, was ich noch machen könnte. Z.B. bin ich am Klären, ob ich beim Deutschunterricht unterstützen kann.

        Liebe Grüße

  10. Hallo,
    Ein sehr guter Artikel. Uns grault es momentan nach Deutschland zurückzukehren. Lang sind wir noch nicht weg, aber gefühlt hat sich in den letzten Wochen und Monaten soviel verändert. Wir sind gerade auf Bauernhöfen in Österreich unterwegs, die övp erzielt 31% bei Wahlen, aber irgendwie fühlt es sich besser an. Vielleicht weil es hier keine großen Demonstrationen gibt, oder weil keine Unterkünfte brennen….ich weiß es nicht. Nur eins weiß ich sehr genau. Man muss helfen und unterstützen wo man nur kann.
    Liebe Grüße

    Jens

  11. Aus naturkundlichen Gründen bin ich auf dieser Seite gelandet (zum Herstellen von Seifen). Verwundert und erstaunt bin ich darüber, dass diese Seite politisch motiviert ist.

    Wirklich schade.

    (also besser zurück zum Ursprung ;-} … )

    tubularbell

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